Neuer Laden Schaufenster
Rückblick

Halbjahresrückblick

Die Hälfte diesen Jahres ist schon rum, ist das zu fassen? Ich hatte erst kürzlich den Eindruck, die Zeit rast mit steigendem Alter schneller, aber ich höre das auch von den jüngeren Menschen. An der Theorie scheint also nicht viel dran zu sein. 

In diesem Jahr habe ich so viele Höhen und Tiefen mitgemacht, wie vorher noch nie, das ist zumindest mein subjektiver Eindruck. Mein Halbjahresrückblick zeigt auf, was alles passiert ist.

Der Umzug 

Die Entscheidung, mit dem Laden umzuziehen, habe ich bereits im letzten Jahr getroffen, aber die Suche gestaltete sich sehr schwierig. Ursprünglich wollte ich in Neukölln bleiben. Zum einen, wegen des in knapp 5 Jahren aufgebauten Stammpublikums, zum anderen wegen des kurzen Arbeitsweges. Als ich Mitte 2021 anfing, die Fühler nach potentiellen Flächen auszustrecken, sah alles sehr vielversprehend aus. Es gab recht viel bezahlbaren Leerstand. Ich nahm mir vor, die Suche nach dem Weihnachtsgeschäft entspannt fortzusetzen und ahnte nicht, dass wohl viele anderen Menschen das genauso vorhatten. Kurzum – Anfang 2022 war nichts mehr übrig vom bezahlbaren Leerstand. 

Die Entscheidung, die Suche auf angrenzende Stadtbezirke auszuweiten, wurde getroffen, aber schnell musste ich das „angrenzend“ streichen. Schöneberg klang für mich irgendwie, naja, schön halt. Und als ich auf der Fläche in Friedenau stand, war es um mich gestehen. Es sah dort schlimm aus, eine chaotische Baustelle, aber die Liebe war sofort da. Exakt wie damals in der Weserstraße. Noch am selben Tag schickte ich die Bewerbung raus. Der Rest ist nachvollziehbar, denn ich bin ja nun dort anzutreffen. 

Corona

Dieses Virus hält uns seit über zwei Jahren fest in den dreckigen Klauen und es hat so vieles verändert. Unter anderem unser Einkaufsverhalten. Von „Support your locals“ ist nicht mehr so viel übrig geblieben. Jeder von uns war so sehr mit den ganzen Beschränkungen und Ängsten beschäftigt, dass es einfach unwichtig wurde, in der Nachbarschaft einkaufen zu gehen. Das ist eine stinknormale Konsequenz. Obwohl ich als Drogerie durchgehend geöffnet hatte, kam kaum noch jemand und ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass sich das wieder normalisiert. Da ich aber nicht meinen Traum eines eigenen, nachhaltiges Unternehmens zu den Akten legen wollte, habe ich mich angepasst. 

Mein neues Angebot „personalisierte Seifen für Unternehmen“ wurde geboren und kommt ganz gut an. Ich hatte schon mehrere große Aufträge und entdeckte schnell den Spaß an der Sache. Den ganzen Tag in der Werkstatt zu stehen und Seifen herzustellen, ist ein komplettes Kontrastprogramm zum „im Laden sieben Stunden lang mit KundInnen zu quatschen“. Aber es ist ebenso eine tolle Arbeit und jetzt in Friedenau geht theoretisch beides, denn ich kann die Ladenfläche verlassen, ohne Angst zu haben, dass Leute die Tür aufreißen und mir auf den Boden spucken oder mir Wasser über den Seifentisch kippen. Womit wir zum nächsten Punkt kommen, den:

Menschen

Ja, die letzten zwei Jahre haben in unser aller Leben viel geändert. Es ist Scheiße, eingesperrt zu sein, niemand will das! Aber das Verhalten, das ich beobachte, ist wirklich erschreckend. Kaum noch jemand interessiert sich für andere Menschen, soviele rennen mit Aggressionen durch den Tag, es wird auf alles geschissen! 

Vor ein paar Jahren, noch lange vor Corona war ich deutlich unentspannter, ich war auch oft aggro und habe schlechte Laune an anderen ausgelassen. Mit zunehmender Weisheit hat sich das geändert und ich bin wirklich heilfroh deswegen. Ich kann den Menschen sehen, ich verstehe, dass jedeR eine Vorgeschichte hat. Auch wenn diese manchmal nur bis zum Frühstück reicht. Wenn jemand etwas tut, das mir nicht passt, stelle ich mir kurz vor, dass diese Person einen Fingernagel im Müsli hatte oder irgendwas anderes ekliges. Dann gehts wieder. Ich versuche, mich in meine Mitmenschen hineinzuversetzen und die Dinge, die sie machen, nicht persönlich zu nehmen. Das hilft mir extrem, entspannter zu bleiben und unangenehme Begebenheiten schneller abzuschütteln. 

Ich finde, wir alle sollten uns wieder mehr als Gemeinschaft wahrnehmen. Wir teilen uns diesen wunderbaren Planeten und sollten ihn mit Würde behandeln. Lasst uns bitte nett zueinander sein!

Der neue Laden

Ich bin total verliebt! Mit dem Umzug haben sich viele Dinge verändert. Ich brauche jetzt 45 Minuten mit dem Fahrrad zur Arbeit und ich liebe alles daran. Es gibt mir die Möglichkeit, mich morgens vorzubereiten und abends die Arbeit im Laden zu lassen. Die neue Fläche füllt sich langsam mit Leben und es ist sehr deutlich zu spüren, dass ein neuer Abschnitt beginnt. 

Ich stehe noch überwiegend alleine im Laden, weil natürlich in Friedenau noch kaum jemand weiß, dass ich existiere, aber das wird sich hoffentlich schnell ändern. Die Menschen, die ich bereits kennengelernt habe, egal ob Gewerbetreibende oder Anwohner, nehmen mich extrem gut auf. Ich habe mich sogar schon mit dem irren Kiezpunk angefreundet, der mich bei jedem zufälligen Treffen nicht mehr wiedererkennt und mich mich immer wieder für meine Haarfarbe lobt. Mit der Kaffeerösterei schräg gegenüber bin ich schon dabei, ein Peeling zu entwickeln. Ich habe ein tolles Fitnessstudio gefunden und gehe viel in den kleinen Straßen spazieren, die mich so sehr an Freiburg erinnern. 

Im Augenblick fühlt sich alles sehr schön an und ich hoffe, es bleibt so und wird noch schöner. 

Bis bald in Friedenau,

Antje

Rohstoffe in Glas abgefüllt
Allgemein

Warum du jeden Tag die Welt ein Stückchen besser machen kannst

Ich höre das häufiger: Was bringt es, wenn ich meine Lebensumstände ändere, wenn es andere nicht tun? Ich kann doch alleine ohnehin nichts bewirken. Das stimmt nicht und ich erkläre dir, warum. Mache die Welt zu einem besseren Ort!

Die innere Einstellung

Wenn du für etwas brennst, strahlst du das aus. Die Menschen sehen dich und was du tust.  Viel mehr, als du denkst. Jemand, der voller positiver Glaubenssätze durchs Leben latscht, gibt das wie einen Virus weiter. Wenn du nun also dein Nachhaltigkeitsding jeden Tag mit Leidenschaft durchziehst, registriert das dein Umfeld und lässt sich unter Umständen mitreißen. Win Win. 

Die Umsetzung

Wie sagte die schlaue Frau Anne-Marie Bonneau einst: „Wir brauchen keine Handvoll Menschen, die Zero Waste perfekt machen. Wir brauchen Millionen Menschen, die Zero Waste unperfekt machen.“

Genau dort liegt das Geheimnis. Stell’ dir vor, jedeR würde einfach von nun an auf Plastiktüten verzichten. Als einzige Maßnahme. Es würden keine mehr produziert werden, weil es keinen Bedarf gibt. Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das lässt sich auf alles übertragen.

Das Resultat

Gewohnheiten manifestieren sich. Wenn du dir angewöhnst, jeden Tag dreimal Müll von der Straße aufzuheben und in den Papierkorb zu werfen, wirst du das bald tun, ohne dich daran erinnern zu müssen. Andere Menschen werden das beobachten und vielleicht auch damit anfangen. Du löst einen Müll-Entsorgungs-Tsunamie aus – herzlichen Glückwunsch! 

Egal, ob du Nachhaltigkeit beruflich lebst, privat oder nur ein bisschen – wenn du leidenschaftlich bist und das Dogma weglässt (mit Missionarisierung verschreckst du die meisten Menschen nur), wirst du etwas zu dem Erhalt unserer wundervollen Erde beitragen und das wird sich super anfühlen. Ich schwör’.

Persönliches

Es ist vollbracht!

Der Umzug in den neuen Laden ist rum. Ich bin total froh, dass ich so ein zuversichtlicher Mensch bin, denn ansonsten wären meine Nerven vermutlich 5 Minuten, nachdem der Umzugswagen ankam, das erste Mal kollabiert. Es war fürchterlich – der Fahrer der Bande war der schlecht gelaunteste Mensch, den man sich backen kann und außerdem ein bisschen (wie sag ich’s einigermaßen nett?) – einfältig. Er parkte den LKW sowohl vor dem alten als auch vor dem neuen Laden jeweils gut 50 Meter weit entfernt, sodass seine beiden Gehilfen und auch ich (ich kann niemandem bei der Arbeit zuschauen, ohne zu helfen) noch zusätzlich mit dem Umzugskram in der Hand rennen mussten. Den Sinn dahinter konnte er mir nicht befriedigend erläutern. Gut, an diesem Tag kam ich auf knapp 30k Schritte. Das passt in meinen Fitnessplan.

Im Augenblick bin ich noch damit beschäftigt, alles an Ort und Stelle zu bringen. Die tausend Umzugskisten warten darauf, ausgepackt zu werden, ich muss Möbelstücke für die Werkstatt ordern, ausmessen, aufbauen, bohren, arrangieren, planen. Alles keine Aufgaben, die ich gerne mache, an denen ich aber wachse. Außerdem hilft mir mein guter Freund Tino bei allen handwerklichen Themen und dafür bin ich sehr dankbar. Ich reiße nicht unbedingt das Haus nieder, wenn ich mit einem Hammer hantiere, aber es bereitet mir null Vergnügen.

Ladenfläche

Alle, die in Berlin leben, können seit letztem Samstag schon einkaufen kommen. Das einzige, was nicht funktioniert, ist der Bondrucker. Die Leute in Friedenau sind nett und mir sehr wohlgesonnen und ich freue mich darauf, dort zu wachsen und bekannter zu werden. Ich sehe die große Chance, durch eine Veränderung frischen Wind in mein Unternehmen zu blasen und das ist aufregend und macht Spaß. 

Ladenfläche

Ich freue mich, wenn Du mich begleitest, ob virtuell oder direkt Vorort. Es ist superschön, soviele persönliche Nachrichten zu bekommen und ich lese alle mit Freude. Genauso bin ich dankbar für jedes Gespräch im Laden. Für alle meine NeuköllnerInnen wird es bald eine Lösung geben, eine Art Abholstation für Bestellungen, denn mir ist bewusst, dass der Weg nach Friedenau selbst für Berliner Verhältnisse weit ist. 

Ladenfläche

So oder so – wir sehen uns!

Antje

Seifenberg
Persönliches

#storytime

Das erste Mal muss etwa ein Jahr nach Ladenöffnung gewesen sein. Eine Frau, deren Schwangerschaft schon weit vorangeschritten war, kam zu mir und war gefrustet und wollte sich einfach ein bisschen ablenken und packte Seifen in ihr Körbchen, um Freunde und Familie zu beschenken. Sie erzählte mir, dass sie bereits seit einer Woche auf das Baby warte und es einfach nicht kommen wolle. Am nächsten Tag sollte die Geburt im Krankenhaus eingeleitet werden und sie fürchtete sich davor. 

Ich erinnere mich daran, dass wir uns lange unterhielten und ich ihr von meiner Schwangerschaft erzählte und wir viel lachten und am Ende verließ sie mit einer riesengroßen Papiertasche voller Seife den Laden.

Ein paar Tage später bekam ich eine E-Mail von ihr, in der sie mir erzählte, dass Ihr Baby sich gleich nach ihrem Besuch bei mir auf den Weg gemacht hatte. Sie war glücklich und froh und alles hatte gut geklappt.

Ich weiß noch, wie lustig ich das fand. Und wie zufällig.

Heute, nach knapp 5 Jahren Ladenbestehen hat sich dieser Zufall viermal wiederholt. Vier weitere hochschwangere Frauen haben ihr Baby noch am selben Tag bekommen, an dem sie bei mir im Laden waren. 

Ich erkläre mir das mit den Düften. Was anderes fällt mir einfach nicht ein.

Hast Du ne Idee, woran das liegen könnte?

Seifentisch
Allgemein

Was genau passiert bei e.e.m.?

Als Inhaberin eines kleinen Unternehmens mache ich tausend Sachen. Angefangen hat es vor 5 Jahren als reiner Einzelhandel. Im Laufe der Zeit ist jedoch so viel dazu gekommen, dass mir manchmal schwindelig wird und ich Schwierigkeiten habe, zu benennen, um WAS genau es eigentlich bei e.e.m. geht. 

Verkauf

Ich verkaufe Nischenprodukte. JedeR, der oder die mag, soll bei mir Alternativen zu Einwegartikeln finden. Weil ich mich nicht auf ein Genre festlegen will, gibt es also was fürs Badezimmer, für die Küche und für unterwegs. Es werden sicher laufend neue Sachen hinzukommen, aber eines ist mir immer wichtig: ich arbeite ausschließlich mit Unternehmen zusammen, die mir sympathisch sind. Es muss eine gemeinsame Ebene geben, nur dann fühlt es sich für mich gut und richtig an. 

Herstellung

Ich stelle Seifen für Unternehmen und für private Veranstaltungen her, die ich nach Bedarf personalisiere. Anstatt eines Kulis mit Firmenlogo können so Seifen an (potentielle) KundInnen weitergegeben werden, das ist schön und nachhaltig und bleibt sicherlich in Erinnerung. Genauso nehmen aber auch Heiratende dieses Angebot wahr. Sie machen ihren Gästen gleichzeitig ein schönes Geschenk und haken die Tischkartensache ab, indem ich einfach die jeweiligen Namen in die Seife stemple. Letztlich sind der eigenen Kreativität da keine Grenzen gesetzt. Seife passt halt irgendwie immer.

Social Media

Ich rede auf Social Media über Dinge, die mich persönlich umtreiben. Vor einiger Zeit habe ich meinen zweiten Account gelöscht, weil mir auffiel, dass die Menschen, die mir folgen, auch interessiert, was ich neben Seifenherstellung und -vertrieb zu sagen habe. Ich dachte mir – eigentlich kann das auch nebeneinander existieren. Und das tut es jetzt. Im Moment beschäftigt mich ein Thema, dass ich noch nie in meinem Leben so richtig angefasst habe, nämlich Ernährung und Sport. Für manche funktioniert diese Co-Existenz, manchen ist es zu persönlich. Die Leute kommen und gehen und das ist okay so. Ich freue mich über jedeN, der oder die mit mir interagiert.

Apropo’s – gibt es Themen, die Dich noch interessieren? Über was könnte ich noch schreiben? Was fehlt Dir?

Antje schneidet Seife
Rückblick

Rückblick auf 4 1/2 Jahre Erica

So lange bin ich jetzt schon selbstständig, manchmal kann ich es kaum fassen. Es wird Zeit, für einen Rückblick auf die letzten Jahre.

Als ich Erica 2017 eröffnete, hatte ich, trotz entsprechender Ausbildung, nicht viel Ahnung von betriebswirtschaftlichen Dingen. Was mich antrieb, war der Drang nach Selbstständigkeit. Ich hatte in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Läden gearbeitet und Gehälter ausgezahlt bekommen, die mir die Tränen in die Augen trieben. Ich hatte keine Lust mehr, mich ausbeuten zu lassen. Also lieh ich mir von einem Freund Geld und machte mich auf die Ladensuche. Ab sofort wollte ich mich selbst ausbeuten (hahaha). 

Die anfängliche Suche beschränkte sich auf die Stadtbezirke Mitte und Friedrichshain. Wenn nicht dort, wo dann könnte ein Laden für Naturkosmetik funktionieren? Allerdings merkte ich bald, dass sich das nicht so richtig gut anfühlte. Zum einen: ich hatte keinen Bock auf den langen Arbeitsweg und zum anderen: ich dachte, diese Bezirke sind, wie sich ins gemachte Nest zu setzen. Neukölln hatte einen nachhaltigen Laden viel nötiger! Also tat ich das einzig Unvernünftige und suchte in meiner Hood. In die Ruine, die die Hausverwaltung als Ladengeschäft in B-Lage betitelte, verliebte ich mich sofort und ab dann ging alles superschnell – ich zog mir nen Blaumann an und renovierte auf die denkbar stümperhafteste Weise diese runtergerockte Bude. Von Böden abschleifen bis streichen waren alle Dinge dabei, von denen ich absolut keine Ahnung habe und im Oktober dann eröffnete ich. 

Bei der Produktauswahl bekam ich im Vorfeld den Tipp, sogenannte Verkaufsgaranten mit an Bord zu nehmen, was ich auch umsetzte, obwohl es sich nicht so richtig gut anfühlte. Eigentlich hatte ich damals schon mehr Bock auf Nische! Witzigerweise schluckte L’Oréal ein paar Monate später die Firma Logocos (Logona und Sante) und damit war meine Entscheidung, hauptsächlich mit kleinen HerstellerInnen zu arbeiten, in Stein gemeißelt. Auf den Restbeständen blieb ich sogar noch sitzen, als ich sie 50% reduzierte. 

Ich stellte nach und nach das Sortiment um und Erica wurde immer interessanter für Menschen, die auf der Suche nach nachhaltigen Kosmetikprodukten waren. Die große Range an Haarseifen hatte ich von Beginn an, das war mir wichtig, weil ich mir eine kompetente Beratung gewünscht hätte, als ich selbst mit der Umstellung begann. 

Etwa ein Jahr lang stand ich täglich in diesem Laden und musste Fragen beantworten wie „Wieso soll ich bei dir 5 Euro für ein Stück Seife bezahlen, wenn ich es bei DM für 1 Euro kaufen kann?“ und „Lohnt sich das hier überhaupt?“.  

Bis zu diesem denkbaren Augenblick, als im privaten Fernsehen eine Sendung ausgestrahlt wurde, in der ein Mann als Experiment seine Nahrung ausschließlich aus Plastikgeschirr aufnahm und am Ende dann ärztlich diagnostiziert bekam, dass Partikel davon in seinem Hirn gelandet seien. Oder so ähnlich. 

Ab diesem Zeitpunkt rannte man mir die Bude ein. KundInnen wollten massenweise Ihre Shampoos und Duschgele fortwerfen und sie gegen feste Produkte austauschen. Ich musste sehr viel Überzeugungsarbeit leisten und beruhigen und auch manchmal schimpfen. Aber eines wurde mir klar: ich galt als eine Art Pionierin, weil ich auf keinen fahrenden Zug aufgesprungen war, sondern mich schon vor Erica viele Jahre mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt hatte. Die Leute vertrauten mir. 

Der Laden lief gut, ich veränderte mich stetig, nahm Produkte hinzu, stieß einige wieder ab, bot Zero Waste-Workshops an, begann, selbt zu produzieren und im vierten Jahr dann kam Corona. Obwohl ich als systemrelevant galt und öffnen durfte, kam kaum noch jemand in den Laden. Zusammen mit meiner Freundin Maria, die eine Granate in Sachen PR ist, baute ich den Onlineshop neu auf, weil sich alles nur noch dort abspielte. Auch nach zwei Jahren Pandemie ist das noch so. Die Menschen haben ihr Einkaufsverhalten verändert, das Konzept von Erica, unterdessen e.e.m. funktionierte nicht mehr so, wie ich es mir anfangs ausgemalt hatte. Und was noch vor einem Jahr unfassbar frustrierend für mich war, sehe ich jetzt als eine Chance, mich zu verändern und zu wachsen. Ich habe richtig Bock! 

In Zukunft werde ich meine Zelte in Schöneberg aufschlagen. Die Ladenfläche wird sehr viel kleiner und ich werde, bis auf wenige Ausnahmen, nur eigene Produkte anbieten. Der Produktionsbereich wird sich wesentlich vergrößern, weil mein neues Angebot „personalisierte Seifen für Unternehmen“ gut angenommen wird. Ich stelle keine 20 Seifen mehr her, sondern 1000. 

Vieles ist anders als vor 5 Jahren, aber das ist schön und gut und macht unfassbar viel Spaß. Ich arbeite mit tollen Menschen zusammen und bin glücklich und demütig, nicht die Schürze hingeschmissen zu haben.

Wir sehen uns in Schöneberg!

Damals noch mit roten Haaren. Foto: Magdalena Vidovic
Erica Schaufenster
Allgemein, Rückblick

Wie Erica zu e.e.m. wurde

Seit vier Monaten darf ich den Namen Erica wegen einer Markenrechtsverletzung nicht mehr benutzen. Kinder, wie die Zeit vergeht. 

Natürlich taucht er noch auf, das lässt sich garnicht vermeiden. Ich habe massenhaft alte Aufkleber und Sticker, manche GeschäftspartnerInnen haben es noch nicht geschafft, den Namen zu ändern und über meinem Laden steht auch noch Erica. Da ich ohnehin bald ausziehe, erledige ich das in einem Abwasch. Für den neuen Shop lasse ich ein Nasenschild anfertigen, so eins wollte ich schon immer haben. Nicht nur wegen des Namens, aber auch.

Markenanmeldung – ja oder nein?

In der letzten Zeit fragen mich immer wieder UnternehmerInnen, ob ich es für sinnvoll erachte, eine Marke anzumelden oder nicht. Meine Antwort lautet klar und deutlich: ja! Als ich Erica 2017 gründete, habe ich als einzige Maßnahme mal kurz recherchiert, ob es weitere Shops mit diesem Namen gibt. Das war’s. Lustigerweise kam mir die niederländische Erica, die es immerhin seit mehreren Jahrzehnten gibt, damals nicht unter. Das spricht nicht für meine Google-Fähigkeiten. Völlig logisch hat diese Firma auf Ihr Recht bestanden, denn sie hatte die weltweiten Rechte angemeldet und sowas ist wirklich teuer, vor allem, wenn man jemand Professionellen damit beauftragt. Noch schlimmer wird es, wenn das verklagende Unternehmen gleich die Anwälte schickt und das ist offenbar keine Seltenheit. Es muss uns klar sein, dass sich in der kapitalistischen Welt viele armselige Arschlöcher tummeln, die es geil finden, auf kleine Menschen rumzudrücken. Ich hatte Glück, die niederländische Erica war sehr nett!

Nach und nach wird sich also e.e.m. durchsetzen und nicht nur ich, sondern auch die meisten meiner KundInnen haben sich längst daran gewöhnt. Viele wissen schon, dass meine geliebte Großmutter Erika hieß und ich den Laden nach ihr benannt habe. e.e.m. bedeutet Erika Emma Minna – die drei Vornamen von Oma. Sie bleibt also im Unternehmen und das ist für mich das Wichtigste. Alles andere wird sich fügen. Wie immer.

Seifen Natur
Persönliches

#truestory

Fatai stolpert in den Laden, so voller Pakete, dass er nicht mehr nach vorne sehen kann. Er stoppt mitten im Raum, balanciert die Pakete aus, schwankt dabei und seine Nase zuckt.

Haaaa…“, macht er.

Alle gehen in Deckung und der Boden erzittert unter seinem Nieser, Viren fliegen durch die Gegend. Und Pakete.

Da sind Bonbons vorne an der Kasse, probier mal eins, gut gegen Erkältung“, sage ich. „Erkältung? Quatsch, das kann ich mir überhaupt nicht erlauben!

Aber er geht zur Kasse und freut sich noch beim Hinausgehen so sehr, dass ich mich schäme, ihm nicht schon immer und jedes Mal Bonbons angeboten zu haben, ihm, dem einzigen Hermes-Boten, mit dem ich mich noch unterhalten kann, während er täglich die Pakete für den gesamten Häuserblock in meinen winzigen Flur stapelt.

Solche muss man sich warmhalten. Sind Gold wert.

Aber jetzt fliegt die Tür noch einmal auf und er steht wieder im Rahmen, mit knallrotem Kopf, die Augen riesengroß, beide Hände vor dem Mund. „Mmmh- Mmmmrhaaaaaah!!

Er holt ein Stück Probierseife aus der Tasche, hält es anklagend in die Luft. Ein Stück Seife mit seinem Gebissabdruck, richtig ein Stück rausgebissen ist da. Die Probierseife, aus dem anderen Glas, gleich neben den Bonbons an der Kasse.

Ich kann einfach nicht anders, denn es macht plop und an seiner Hand vorbei stiehlt sich eine winzige Seifenblase aus seinem Mund, ich muss einfach lachen, es geht nicht anders.

Auch, als ich ihm auf den Rücken klopfe, während er mir direkt vor die Türe kotzt. Auch da lache ich noch.

Vergiften! Du willst mich vergiften!“, japst er, aber ich sehe schon kleine Lachfältchen um die Augen, er spuckt aus, grinst kurz und röchelt dann wieder.

Es tut mir wirklich leid“, sage ich und räume das Bonbonglas rüber auf die andere Kassenseite.

Das kostet aber“, sagt er. Streckt die Hand aus.

Ich lege ihm ein Bonbon rein.

Aber er betrachtet sein Bonbon genau. Schält es andächtig aus dem Papier. Wirft es sich in den Mund.

Zerbeißt es und es kracht im ganzen Laden. Eine ältere Kundin verzieht das Gesicht.

Bis morgen!“, sagt er. Macht einen Riesenschritt über die Kotze vor der Tür.

Ja, solche sind echt Gold wert.

Muss man sich warmhalten.

Naturkosmetik, Persönliches

Warum ich keine Kooperationen eingehe

Obwohl ich meinen Zwanzigern längst entwachsen bin, ist mir natürlich bewusst, dass Werbung heute anders abläuft, als damals. Radio-, Fernseh- und Printanzeigen sind nicht mehr aktuell, denn heute werben wir geschlossen in Social Media. Was für viele UnternehmerInnen offenbar gut funktioniert, löst bei mir ein langanhaltendes Stirnrunzeln aus. Da ich keine permanenten Falten will, habe ich entschieden, das Thema Influencer-Marketing zu den Akten zu legen.

In den letzten zwei Jahren habe ich mehrmals Pakete gepackt und sie zu Menschen geschickt, die auf Instagram über eine große Reichweite verfügen. Natürlich nicht initiativ, sondern abgesprochen. Was erhoffte ich mir davon? Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Vielleicht ein paar mehr FollowerInnen, einige verkaufte Seifen, sowas halt. Was bekam ich? Nichts plus Ware, die ich abschreiben musste. Für ein kleines Unternehmen wie eem ist das sehr bitter, denn dieses Geld fehlt. Ich hätte es genauso gut dem Obdachlosen Ercan geben können, der jeden Tag vor meinem Laden anhängt. Das wäre weitaus sinnvoller gewesen.

Ich bekomme nahezu täglich Anfragen, von kleineren InfluencerInnen. Teilweise nett, aber oft auch sehr dreist und durchschaubar. Einige besonders Schlimme zeige ich meinem Mann und wir lachen dann ein bisschen darüber. Mir ist schon klar, dass auch diese Anfragen den Sinn erfüllen, möglicherweise ein Unternehmen aufzubauen und ich habe Respekt davor, wenn jemand hart daran arbeitet, sich selbstständig zu machen. Aber ich habe keinen Respekt, wenn Anfragen unfreundlich und fordernd formuliert werden. Wir alle wissen nicht viel voneinander. Möglicherweise denkt jemand, der den Webshop von eem sieht, dass das Unternehmen viel Geld abwirft. Butter bei die Fische: dem ist nicht so. Ich arbeite mir jeden Tag den Arsch ab, um es auf solide Beine zu stellen. Warum das nach fast 5 Jahren noch so ist, kann ich gerne mal an anderer Stelle erläutern. Aber ich liebe meinen Job, also was soll’s.

Mein Entschluss, keine Energie (und vor allem kein Geld) mehr in Influencer-Marketing zu stecken, steht erstmal fest. Vielleicht ist das irgendwann anders, ich halte das Ende offen, denn Meinungen ändern sich und das ist auch gut.

Allgemein, Naturkosmetik

Was macht mich als Expertin besonders?

Ich bin mit Punk sozialisiert worden. Die Mischung aus Obsession zur Musik, Auflehnung gegenüber Ungerechtigkeiten und vor allem der DIY-Gedanken haben mich immer fasziniert. Am Anfang meiner 20er habe ich mit dem Schreiben für Fanzines begonnen und weil mir damals die Frauenquote in diesem Genre zu niedrig erschien, habe ich einfach ein Eigenes gemacht. Ich war grad aus einer missglückten Lebenssituation für eine Weile zurück in das heimische Elternnest gezogen und hatte auf dem Dorf viel Zeit. So habe ich drei Ausgaben des „Inkognito“ innerhalb kürzester Zeit geschrieben, zusammengeschnipselt, kopiert, getackert und für eine Mark verkauft. Ich glaube nicht, dass heute noch eins davon existiert.

Dieses DIY-Ding zieht sich soweit durch mein ganzes Leben – wenn ich mich für irgend etwas besonders interessiere, dann eigne ich mir das Wissen dazu selbstständig an. Als ich vor neun Jahren schwanger wurde, liefen mir das erste Mal Haarseifen über den Weg. Damals konnte man noch nicht so einfach auf Hintergrundwissen zugreifen und so habe ich mich durch Foren gelesen und viele Fragen gestellt. Vor allem ein großes Forum (ich werde aus Gründen von Loyalität keinen Namen erwähnen) fand ich richtig ätzend. Es waren fast ausschließlich Hardcore-ExpertInnen dort unterwegs, die Dich behandelten, als seist Du der Dreck unter ihren Fingernägeln. Auf so ein Verhalten hatte ich keine Lust.

Mit den Jahren perfektionierte ich durch Trial and Error meine Seifenroutine und ja, ich weiß, es geht nur ums Haarewaschen, aber es ist eben auch eine gute Methode, seinen Schopf gesund und kraftvoll zu züchten. Und um das zu schaffen, braucht es Wissen. Und das habe ich. Punkt.

Ich beschäftige mich also seit neun Jahren mit Naturkosmetik, mit Wirkstoffen, Ölen und eben Seifen. Als ich den Laden vor knapp 5 Jahren eröffnete, hatte ich die Vision, einen Ort zu schaffen, wo sich jedeR willkommen und gut aufgehoben fühlt. Es gibt kein von oben herab, kein „Was? Das weißt Du nicht?“ und keine Abfertigungen. Wenn Du mit einer Frage kommst, werde ich sie beantworten, sodass Du, wenn Du den Laden wieder verlässt, schlauer bist als zuvor. Natürlich weiß ich längst nicht alles, darum wirst Du mich auch mal recherchieren sehen, wenn ich überfragt bin. Ich gebe Dir gerne mein Wissen weiter, weil ich will, dass Du glücklich bist mit dem, was Du (bei mir) kaufst. Und ich schicke Dich auch nach Hause, ohne, dass Du etwas gekauft hast. Nämlich dann, wenn ich glaube, dass Du es nicht brauchst. Das macht es besonders. Ich freue mich, wenn Du kommst!